• Schrift vergrößern
  • Schrift vergrößern
  • Standard wiederherstellen
  • Schrift verkleinern
  • Schrift verkleinern

50 Jahre der Lautlosigkeit

korea1Vor genau 50 Jahren wurde das Anwerbeabkommen  zwischen Deutschland und Südkorea geschlossen. Die „Vereinbarung über ein Programm zur vorübergehenden Beschäftigung koreanischer Bergarbeiter im deutschen Steinkohlenbergbau“ am 16. Dezember 1963 markierte den Beginn der koreanischen Einwanderung nach Deutschland. Die erste Gruppe mit insgesamt 263 koreanischen Bergarbeitern traf im Zeitraum zwischen dem 21. und 27. Dezember 1963 in der Bundesrepublik ein. Bis zum Anwerbestopp 1977 kamen über 8.000 koreanische Bergarbeiter nach Deutschland. Weitere 10.000 Krankenschwestern folgten ihnen. Die koreanischen Gastarbeiter waren von dem Anwerbestopp, bedingt durch die Ölkrise im Jahr 1973 nicht betroffen. In der Vereinbarung wurde die Anwerbung koreanischer Bergarbeiter als „technische Entwicklungshilfe“ Deutschlands deklariert.

Rund 120 koreanische Bergarbeiter fanden bei Grubenunglücken den Tod. Im Jahr 1994 ging der letzte koreanische Bergarbeiter in Rente. 50 Jahre nach dem Anwerbeabkommen mit Südkorea ist die Bundesrepublik in der Realität eines Einwanderungslandes angekommen. Heute leben weit über 50.000 Koreaner in Deutschland. Viele sind hier heimisch geworden, haben die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und sind hier gestorben.

In der Gesellschaft werden die Asiaten als „Musterbeispiel gelungener Integration“ wahrgenommen. Binnen einer Generation haben die Koreaner den Wechsel vom niedrig qualifizierten Gastarbeiter zum hochqualifizierten Akademiker geschafft. Trotz der 50 Jahre kennt kaum einer in der Gesellschaft die Gastarbeitergeschichte der Koreaner.

Als sich im Oktober 2011 das deutsch-türkische Anwerbeabkommen zum 50. Male jährte, waren die Bundesregierung und die Medienanstalten sehr bemüht, diesem Anlass einen würdigen Rahmen zu verleihen. Schon Monate vor dem Jubiläum berichteten die Medien fast täglich über das bevorstehende Ereignis. Dokumentarfilme über die Ankunft und das Leben der Türken in Deutschland wurden in regelmäßigen Abständen gezeigt. Große Zeitungen brachten Geschichten über die türkischen Gastarbeiter auf den Titelseiten. Landesweit wurden Festakte gehalten und große Reden geschwungen. Stiftungen hielten Podiumsdiskussionen. Museen organisierten Ausstellungen. Die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer besuchte die Türkei und fuhr sogar eine kurze Strecke des in Istanbul gestarteten Sonderzugs mit einer deutsch-türkischen Delegation bis zur Endhaltestelle München mit. Natürlich durften Worte der Dankbarkeit des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin nicht fehlen. Spätestens dann wusste jeder in dieser Republik über diesen feierlichen Anlass Bescheid.

Das 50-jährige Jubiläum der Koreaner in Deutschland gibt Anlass über die Integrationspolitik zu reflektieren und sich dabei die Frage zu stellen, warum die korea4Bundesregierung und die Medien stumm bleiben. Warum werden hier keine Reden geschwungen, keine Festakte zelebriert, Podiumsdiskussionen veranstaltet und Ausstellungen organisiert? Warum bereist die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer nicht Korea, wie sie es im Jubiläumsjahr des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens getan hatte? Bedeutet die Integrationspolitik in Wirklichkeit nur die Einbindung der Türken in Deutschland? Gehören nur der Islam zu Deutschland und ihre Muslime? Was ist mit den anderen Minderheiten in Deutschland? Sind sie überflüssig bzw. politisch irrelevant, weil sie nicht die Stärke der Anzahl der rund drei Millionen Türken verfügt? Bedeutet „gelungene Integration“ in diesem Land sich fern der politischen Angelegenheiten zu halten und lautlos in der Gesellschaft zu agieren? Wird Integration nur als reine Showveranstaltung der Politik missbraucht und die Türken nur instrumentalisiert?

Sa-i-gu steht als Synonym für die „L.A. Riots“ im Jahr 1992. An jenem 29. April 1992 wurde „Koreatown“ niedergebrannt. Rund 2280 Geschäfte koreanischer Kleinunternehmer „Musterbeispiele gelungener Integration“  wurden zerstört und verursachten einen Schaden von über 400 Millionen Dollar. Rund 53 Menschen fanden bei den Unruhen den Tod. Doch die Stunde der Trauer war gleichzeitig der Wendepunkt und die Geburtsstunde einer neuen koreanisch-amerikanischen Identität. Nach über 90 Jahren in Amerika legten die Koreaner ihre Lautlosigkeit ab. Sie gestanden sich ein, dass ein stilles Leben ohne Partizipation, ohne authentische Stimmen in der Gesellschaft trotz der Errungenschaft „Musterbeispiel gelungener Integration“ zu sein, wertlos ist. Die koreanischen Amerikaner begannen ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Stellung in Amerika zu hinterfragen. Ferner stellten sie sich die Frage, was es bedeutet ein „Korean-American“ in Amerika zu sein. Sa-i-gu legte die Roadmap für den weiteren Weg der Koreaner in Amerika, deren Stimme in der Gesellschaft mittlerweile nicht mehr zu ignorieren ist.

Die Koreaner in Deutschland stehen im Jubiläumsjahr vor solch einem Wendepunkt. Insbesondere die zweite Generation muss sich mit der dringenden Frage befassen, ob sie sich in die Gesellschaft auflösen möchten, wie ein Aspirin im Wasser oder aber wie die „Korean-Americans“ ihren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Platz in der deutschen Gesellschaft beanspruchen. 

Martin Hyun, 2013


© Migranten in der Union Vielfalt & Werte 2017 Erstellt mit dem CDU-Baukasten unter Joomla! Ein Service der VANAMELAND