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Toleranz - Religionsfreiheit - Werte

 

Fotolia_29937130_XSEs war einmal…

Sultan Saladin war in Geldnöten. Daraufhin wollte er den reichen Kaufmann Nathan um sein Geld bringen. Er stellte ihm eine Falle, indem er von ihm verlangte, eine der drei Religionen als die wahre Religion zu bestimmen.  Nathan überlegte und erzählte ihm eine Geschichte, die in einem fernen Land Germania stattfand. Das Landgericht von Colonia Claudia Ara Agrippinensium hat in einer als wegweisend bezeichneten Entscheidung festgehalten, dass die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen von der Einwilligungsfähigkeit des Jungen nicht mehr von der Glaubensfreiheit oder dem Erziehungsrecht der Eltern überbrückt werden kann und das Kind selbst darüber entscheiden soll, sobald es dazu fähig ist. Das Gericht stellte kurz und bündig fest, dass die Richtschnur für die Entscheidung über die Statthaftigkeit der Beschneidung, das in § 1627 BGB verankerte Prinzip des „Wohl des Kindes“ ist, danach dürfen Eltern nur Erziehungsmaßnahmen vornehmen,  die nicht dem Kindeswohl wiedersprechen.

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An dieser Stelle muss gesagt werden, dass die Entscheidung nicht so zu verstehen ist, dass die Beschneidung auf Grund religiöser Gründe fortan nicht mehr durch die Einwilligung gerechtfertigt werden kann,  sondern stattdessen immer eine  Körperverletzung darstellt. 

Es brach Entsetzen und Unverständnis aus.  Sultan Saladin verstand nicht, warum Nathan ihm gerade diese Geschichte erzählte. Was hat sie mit seiner Frage zu tun? Nathan führte fort.

Natürlich kann ein erwachsener Muslim sich jeder Zeit beschneiden lassen. Dennoch stellt sich die Frage, ob das Gericht die Reichweite seiner Entscheidung ausreichend bedacht hat. Bereits dem Wortlaut der Entscheidung ist zu unternehmen, dass die Entscheidung im Kontext einer muslimischen Beschneidung gefallen ist, und der behandelnde Arzt wegen einer Körperverletzung angezeigt wurde. Wie kommt nun das Gericht dazu,  eine so drastische Wertung dieser Praxis vorzunehmen.

Heut zu Tage wird die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen von den drei monotheistischen Religionen betrieben.

Dabei gibt es einen fundamentalen Unterschied; das muslimische Selbstverständnis geht davon aus, dass man unabhängig davon, ob man beschnitten oder nicht beschnitten wird, als Muslim geboren wird. Im Koran findet sich kein direkter Hinweis darauf, dass die Beschneidung vorgenommen werden muss,  der Koran verweist lediglich darauf,  dass dem Weg Abraham gefolgt werden soll,  so dass die Beschneidung  vor allem aus dem  islamischen Gewohnheitsrecht  ( Sunna ) hergeleitet wird.

Bei den Juden wird der Bund zu Gott erst mit der Beschneidung hergestellt. Es war das erste Gebot Gottes an Abraham. Das sogenannte Brit milah (Beschneidungszeremonie) ist historisch einer der meist praktizierten jüdischen Bräuche.

Schon im Frühmittelalter wurde zum Gedenken an die Beschneidung Jesu, acht Tage nach seiner Geburt, am 1. Januar, das Fest der Beschneidung des Herrn (Circumcisio Domini) gefeiert. Es entstanden mehrere Reliquien der Heiligen Vorhaut des Herrn (sanctum praeputium), denen man Heilkräfte nachsagte. Die Urchristen oder heute noch die Aramäer -  Christen werden aus religiösen Gründen beschnitten. Nach heutiger Auslegung sind solche alte Vorschriften und Gesetze nicht von Bedeutung. Als Begründung fügen einige Kirchengelehrte hinzu, dass man sich danach richten soll, was Jesus lehrte, denn durch ihn sich Gott offenbarte. Denn nur durch die Widergeburt kommt man ins Himmelreich.

Im Mittelalter wurde die Beschneidung bei den Christen nicht mehr praktiziert, in der Zeit als die Judenverfolgung anfing. Denn man musste schließlich irgendwie die Menschen unterscheiden können.

Allerdings, die Beschneidung von Jungen ist eine Jahrtausend alte Praxis, dessen Ursprung im antiken Ägypten vermutet wird. Man schätzt, dass circa 35% aller Männer weltweit beschnitten sind. Die Beschneidung von Jungen stellt mitnichten ein Indiz auf eine religiöse Zugehörigkeit dar, hier scheint das Urteil einer bestimmen Sichtweise zu folgen,  wonach eine Beschneidung auf den islamischen Glauben hinweisen soll.

Zweitens lässt sich das Urteil auch leicht  tendenziös lesen, als dass Bezug auf einen muslimische Praxis genommen wird und hier jemand einen Aspekt muslimischen Glaubens untersagen will, ohne  wirklich abzuwägen, was hier eigentlich  entschieden wird, und dass die Beschneidung selbst auch aus religiösen Gründen vorgenommen werden kann,  so auch nicht geeignet ist, einen Menschen eine bestimmte Religionszugehörigkeit zu unterstellen, als dass es eine weltweite Praxis darstellt, die je nach Studie oder Untersuchung sogar positive Auswirkungen hat. In mehreren führenden Industriestaaten wie z.B. den USA oder Südkorea wird bis heute ein Großteil der Jungen bei der Geburt vorbeugend beschnitten. Die WHO empfiehlt  die Praxis, insbesondere um  zu verhindern, dass sich leichter Entzündungen bilden können.

Gerade wenn man die historischen Hintergründe bedenkt, die in der gesamten Diskussion kaum berücksichtigt wird, kann es als eine Form der religiösen Verfolgung gesehen werden, dass auch noch zynischer weise  als fortschrittliches Gedankengut dargestellt  wird und zum wahren  Ausdruck der individuellen   Religionsfreiheit des Kindes hochstilisiert wird.

Man möchte mit den Urteil erzwingen, dass erwachsene Männer sich als unbedingten Ausdruck ihres Glaubens trotz aller Schamgefühle und wohlmöglich demütigend empfundene Behandlung operieren lassen,  der medizinische Eingriff mag zwar  recht harmlos sein, doch je älter man wird, so kann man unterstellen, desto weniger ist man bereit sich solchen Operationen zu unterziehen,  erst Recht  nicht von einer Ärztin.

Wie positiv oder negativ die Beschneidung sich auswirkt,   dies ist nachwievor Gegenstand der Debatte und hier hat bis heute keiner der  Parteien die Wahrheit für sich gepachtet und aus dem Grund kann auch kein  Gericht pauschal aussagen, dass es nicht dem Kindeswohl ( die Vorbeugung möglicher Krankheiten und weniger Hygieneaufwand können sehr wohl  dem Kindeswohl dienen ) dient.

„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Die Beschneidung ist keine körperliche Bestrafung!

Stellt sie eine seelische Verletzung dar?

Wird mir durch die Entfernung der Vorhaut gesagt, dass ich verachtet werde?

Schwierig, aber ich denke mehr als eine Milliarde Männer empfinden es nicht so.

Bleibt wohl nur die Aussage, dass es eine entwürdigende Maßnahme darstellen könnte, also Maßnahmen die geeignet sind ein Kind zum Gespött der Anderen zu machen oder dem Kind  seine Selbstachtung zu nehmen, frei nach dem Motto,  meine Vorhaut hat mir meine Selbstachtung genommen,  verdammt  bin ich ewig als Jude, Christ oder Moslem auf Gottes Erde zu wandeln.

Darauf läuft der Tenor des Urteils meinem subjektiven Eindruck nach  auch hinaus, als das Gericht die Auffassung vertritt, dass  die Beschneidung dem Kind die Zugehörigkeit zur Religion aufzwingt. Wenn dieses Urteil Stand hält, wann ist dann die Taufe bei den Christen dran? Wann wird diese zur Körperverletzung erklärt? So eine Diskussion entstand schon vor einigen Jahren, als man muslimischen Lehrerinnen das Kopftuch verbot, musste auch das Kreuz daran glauben. Aber diese Aussage dass die Beschneidung Ausdruck muslimischen Glaubens ist, kann nicht getroffen werden.  Die Beschneidung  kann vollzogen werden, muss es aber nicht, daher ist folgende Aussage, ich zitiere das Landgericht,

„Diese Veränderung läuft dem Interesse des Kindes später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können zuwider.“

schlicht falsch.

Es gibt keinen mir bekannten Glauben oder Nicht Glauben, der voraussetzt, dass man nicht beschnitten sein muss, es gibt dagegen sehr wohl einen Glauben der praktisch voraussetzt dass man beschnitten sein muss, das Judentum. In dieses Recht wird, wenn sich diese Praxis in der Rechtsprechung etabliert, eingegriffen - ungerechtfertigt. Sultan Saladin war nun erstaunt und verwirrt. Er erwartete jetzt eine Lösung für sein Problem. In unserer Parabel sagt der Richter, dass die Beschneidung aus religiösen Gründen nun ab sofort Körperverletzung ist.

Keine Religion sei die Beste, sondern alle sind gleich – man muss sie respektieren und tolerieren.


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